An den Hecken und Zäunen. Ein Sonntag über Willkommenskultur
- 7. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Willkommenskultur– direkt aus der Bibel - wer hätte das gedacht

Gottesdienst auf dem Kirchplatz
Wie fantastisch, wenn es immer wieder Augenblicke gibt, in denen man sich bestätigt: Genau das ist es. Genau darum geht es mir.
Dieser Sonntag war so ein Moment.
Ich durfte einen Gottesdienst mitgestalten – draußen, auf dem Kirchplatz in Lieberhausen, Sonnenschein inklusive. Kein Gemeindesaal, keine Kirchenbänke, keine feste Reihenfolge, die man still absitzt. Stattdessen: Tische. Gruppen. Gespräche. Menschen, die miteinander reden, nicht nur nebeneinander sitzen. Gelebte Willkommenskultur.
Das Format hat etwas ausgelöst. Alle fanden es toll – und ich bin so dankbar, dass meine Idee ganz offen aufgenommen und umgesetzt wurde, sodass dieser tolle Vormittag entstehen konnte.
Mein Impulsvortrag
Mein Impuls an diesem Morgen kreiste um ein Gleichnis. Lukas 14, Vers 16 bis 23. Ein Mann lädt zum großen Fest. Alles ist vorbereitet, der Tisch ist gedeckt – und dann sagen alle ab. Einer hat einen Acker gekauft, der andere Ochsen, der dritte hat geheiratet. Drei Ausreden, die so banal klingen, dass man fast lachen möchte.
Aber dann passiert etwas Unerwartetes.
Der Hausherr schickt seinen Knecht nicht nach Hause. Er schickt ihn raus. Zuerst in die Stadt, zu den Armen, den Blinden, den Lahmen. Und dann noch weiter – auf die Landstraßen, an die Hecken. Zu denen, die nicht damit rechnen, eingeladen zu werden.
Nötige sie hereinzukommen, sagt er.
Das ist kein höfliches Nachfragen. Das ist: Geh raus, hol sie, beharr darauf.
Ich finde dieses Bild bis heute stark. Weil es zeigt, dass Willkommen-Sein keine Selbstverständlichkeit ist. Für viele Menschen ist es das genaue Gegenteil – sie haben gelernt, draußen zu stehen. Und dass das normal ist.
Was Willkommenskultur wirklich bedeutet
Am Tisch auf dem Kirchplatz haben wir darüber gesprochen. Was bedeutet Willkommen-Sein? Wann haben wir uns zuletzt wirklich eingeladen gefühlt? Was hält Menschen davon ab zu kommen – damals im Gleichnis, heute im echten Leben?
Die Antworten waren ehrlich. Manchmal überraschend. Und sehr menschlich.
Einer der Konfirmanden sagte: "Ich komme, wenn ich das Gefühl habe, dass man mich wirklich gerne dahaben möchte. Das ist ja nicht immer so."
Das hat mich getroffen.
Denn genau das ist der Unterschied zwischen Anwesenheit und Zugehörigkeit. Man kann irgendwo sein, ohne wirklich da zu sein. Man kann eingeladen worden sein, ohne sich willkommen zu fühlen.
Willkommenskultur ist nicht das Schild an der Tür. Sie ist das Gefühl, das entsteht, wenn man durch sie hindurchgeht.
Warum mich das Beschäftigt
Ich gestalte Willkommensreden für Neugeborene. Momente, in denen ein Kind zum ersten Mal offiziell in seiner Familie, in seinem Umfeld, in dieser Welt begrüßt wird.
Das ist ein spektakulärer Anlass mit viel Raum.
Dahinter steckt etwas, das ich mit jedem Gespräch, das ich mit Familien führe, klarer verstehe: Ein Mensch, der von Anfang an das Gefühl bekommt – du gehörst dazu, du wirst gesehen, dein Platz ist reserviert – trägt das mit. Lange. Vielleicht ein Leben lang.
Willkommenskultur fängt nicht in der Gemeinde an. Nicht in der Firma. Nicht in der Kirche.
Sie fängt am ersten Tag im Unterbewusstsein an.
Was dieser Sonntag mir mitgegeben hat
Tage, an denen ich nicht einfach Rednerin bin, sondern selbst Teil eines interaktiven Gesprächs finde ich besonders spannend. An denen ein Format – Tische, Kirchplatz, Sonnenschein, keine Bänke – Menschen öffnet, die sich sonst vielleicht hinter der Stille verstecken.
Was mich am meisten bewegt hat: Niemand musste überredet werden, mitzumachen. Alle wollten.
Vielleicht liegt es daran, dass draußen vieles leichter fällt. Kein Dach über dem Kopf, das einen erinnert, wo man ist und wie man sich zu verhalten hat. Nur Himmel. Und Menschen.
Und ein Tisch, an dem noch Platz ist.



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